Michael Thonet, ein deutscher Möbeldesigner, beeindruckt einen österreichischen Fürsten mit seinen eleganten Entwürfen und seiner innovativen Herstellungstechnik so sehr, daß er beauftragt wird, einige Holzarbeiten für ein Schloß in Wien anzufertigen. Danach ermutigen ihn höhere Tiere, seine Fabrik nach Österreich zu verlegen. Dort floriert sein Geschäft und daraus wird eine international bekannte Erfolgsgeschichte des späten 19. Jahrhunderts.

Dies ist der beispielhafte Fall eines ästhetisch-raffinierten Entwerfers, der bereit ist, mit Herstellungstechniken zu experimentieren. Ein von Reduktionsmethoden überzeugter Mann, wobei er (als Vorläufer der modernen "Form follows function") den immanenten Qualitäten des Materials – Holz – erlaubt, seine Entwürfe zu bestimmen. Er ist Reduktivist auch im Sinne der Produktion, spart Materialien und Zeit mit seinem ökonomischen Montageband und verwandelt ein Handwerk in eine Art internationaler Massenproduktion. Er bewirbt und vertreibt seine Möbel durch Kataloge – ein Zeichen, daß Thonet auch ein brillanter Frühkapitalist ist. Er sieht die Notwendigkeit einer Konsumgesellschaft voraus, deren Bedürfnisse erst geschaffen werden müssen, bevor man sie erfüllt.

Dies ist eine gute Mischung aus Dokumentar- und Spielfilm, mit einem klaren Handlungsablauf. Ich fände es gut, wenn die Partie Thonets von jemandem wie Nick Nolte gespielt würde, akzentuiert und überzeugend in der Darstellung seines langen, ereignisreichen Lebens. Es würden vorkommen: Erste Preise bei Internationalen Weltausstellungen, auf jeden Fall verschiedene Wiener Caféhaus-Szenen und vielleicht Klassenkonflikte in der Fabrik. Gute Story!


Historismus Jugendstil

Gestaltende Künstlerin: BARBARA BLOOM
Kurator: CHRISTIAN WITT-DÖRING
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Obwohl das Bugholzmöbel keine Wiener Erfindung ist, so wird der Bugholzsessel außerhalb Österreichs doch auch immer wieder kurz als "Wiener Sessel" bezeichnet. Die Technik gedämpftes Holz zu biegen ist bereits im Mittelalter gebräuchlich.
Michael Thonet (1796-1871), der aus Boppard am Rhein stammende, innovative Tischler, beschäftigt sich in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts mit einer handwerklich ökonomischeren Umsetzung geschweifter, spätbiedermeierlicher Möbelformen. Er erreicht dies mit Hilfe in Schichten verleimter, gebogener Furnierschwarten. Sein 1842 auf Vermittlung des Fürsten Metternich erfolgter Umzug nach Wien, eröffnet ihm den weitaus größeren Markt des österreichischen Kaiserreiches. In konsequenter Weiterentwicklung der Holzbiegetechnik gelingt es ihm 1852, ein Patent auf das Biegen schichtverleimten Holzes in mehrere Richtungen und schließlich 1856 ein solches auf das Biegen massiven Holzes anzumelden. Die großartige Leistung Thonets liegt neben der Weiterentwicklung der Holzbiegetechnik vor allem in seiner Begabung, diese in eigenständige, einer breiten Käuferschicht zugängliche und formal durch ihre Selbstverständlichkeit überzeugende, zeitlose Produkte umzusetzen. Seine aus der Faszination mit einer Verarbeitungstechnik entstandene Ästhetik weist dem Sitzmöbel neue Richtungen.
Aus seiner Möbelsammlung zeigt das MAK einen Überblick über hundert Jahre Thonetscher Produktion, sowie jener der Konkurrenzfirmen von den dreißiger Jahren des 19. bis in die dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts.

Christian Witt-Dörring

 

Kanapee Modell Nr 4
Wien, um 1850